Nie mehr Langeweile haben

Updated: Jan 31

Gibt es alltägliche Momente?


Kennst du das? Du wünschst dir nichts sehnlicher als dass du endlich erhältst, wovon du träumst. Doch nachdem du es dann erhalten hast, macht es dich nicht mehr so glücklich wie vorher? Wenn ja, dann aufgepasst: Die folgende Geschichte könnte für dich von großer Bedeutung sein.


In letzter Zeit reise ich oft mit der Bahn quer durch Deutschland. Demnach ist es für mich zur „Normalität“ geworden, in einem Zug zu sitzen, zu arbeiten, die Landschaft an mir vorbeiziehen zu sehen…und was eben sonst noch während einer Zugfahrt geschieht. Die folgende Geschichte ist mir im ICE zwischen Nürnberg und Berlin widerfahren. Lass dich mitnehmen auf eine kleine, wenngleich 250 Stundenkilometer schnelle Reise:


Ich sitze auf einem Vierersitz und arbeite an meinem Laptop, während der Zug in einen Bahnhof einrollt. In ein Projekt vertieft merke ich fast nicht, wie mir ein Mann auf die Schulter tippt. Schließlich sagt der Mann „Entschuldigen Sie, aber wir hatten diese Plätze reserviert!“


Oh. Natürlich. Ich werde rot und biete dem Mann an, einfach auf die gegenüberliegende Seite zu wechseln. Doch die etwa vierjährige Tochter des Mannes hat es sich dort bereits bequem gemacht – also lässt auch er sich dort nieder. Glück gehabt!


Eigentlich wollte ich wieder in meine Arbeit eintauchen – doch es ist nicht nur der Fakt, dass ich keine Kopfhörer dabei habe, der mich davon abhält. Aus unerklärlichen Gründen fasziniert mich das Gespräch und das Spiel zwischen Vater und Tochter.


Beide bauen gemeinsam an einem LEGO-Bauset. Nein, das Wort „gemeinsam“ trifft es nicht ganz. Es müsste heißen: Beide bauen an demselben LEGO-Bauset. Denn sowohl der Mann wie auch das Mädchen haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was am Ende herauskommen soll.



Der Vater versucht, genau das zu bauen, was in der Anleitung steht. „Hier steht, dass wir dieses Eckstück auf den braunen Stein setzen müssen!“ „Ich glaube, das muss so aussehen!“ Eine Weile hört seine Tochter ihm zu – doch schon bald hat sie das Interesse verloren.


Meine kurzen Seitenblicke verraten mir, dass es ihr egal ist, wie man das Haus „richtig“ zusammenbaut. Vielmehr möchte sie die Dinge so zusammenstecken, wie es sich für sie gerade richtig anfühlt. Sie sucht nicht nach den passenden Teilen, sondern erschafft etwas aus den Steinen, die gerade da sind.


Es entstehen wahrlich verrückte Kreationen am Nebentisch – ich muss aufpassen, meinen Kopf nicht verdächtig oft hinüberzudrehen. Dennoch genieße ich den denkwürdigen Anblick einer Art „verrückten Superheldenprinzessin“. Ich denke, das trifft es ganz gut.


In diesem Moment treffen sich die Blicke von mir und dem vierjährigen Mädchen. Ich grinse. Auch sie beginnt schüchtern zu lächeln. Schließlich winkt sie mir, und ich erwidere den Gruß. Sie blickt kurz zu ihrem Vater, dann wieder zu mir. Ich zwinkere ihr zu und nicke.


In diesem Moment setzt sich schräg gegenüber ein Polizist auf einen freien Platz. Auch ihm winkt das Mädchen zu, leider bleibt die Reaktion aus.


Und so sitzt unsere denkwürdige Vierergruppe eine Weile schweigend da. Ich finde den Anblick des Sonnenuntergangs bezaubernd. Der Polizist findet sein Handy bezaubernd. Das Mädchen findet ihre Superheldenprinzessin bezaubernd. Der Vater lässt nicht den Anschein erwecken, gerade irgendetwas besonders zauberhaft zu finden.


Erstaunlich, wie unterschiedlich wir alle auf dieselbe Situation reagieren. Und das, wo wir doch alle das gleiche Ziel haben. Und das meine ich nicht philosophisch – doch die Reservierungsschilder der drei lassen erkennen, dass ihre Endhaltestelle Berlin ist.


***


Zwei Stunden später stelle ich mit Verwunderung fest, dass ich mein Projekt komplett habe stehen lassen. Ich habe zwei Stunden einem Mädchen beim Spielen zugesehen. Wie schnell doch die Zeit vergeht, wenn man baut. Obwohl: Für das Kind ist es nicht bloß bauen, es ist SPIELEN.


Spielen macht Spaß. Egal, was du spielst.

  • Wenn die Zugfahrt zum Spiel wird, macht sie Spaß.

  • Wenn das Warten zum Spiel wird, macht es Spaß.

  • Wenn die stillen Gespräche mit Mitreisenden zum Spiel werden, machen sie Spaß.


Lustig ist, dass es überhaupt keine Rolle zu spielen scheint, wie oft man ein Spiel wiederholt.

Ob das Mädchen schon vorher Zug gefahren ist? Bestimmt!


Ob sie schon einmal auf etwas warten musste? Aber ja!



Aus Sicht eines Erwachsenen hat ein Vierjähriges Mädchen keine Lebenserfahrung. Und trotzdem scheint sie die Einzige zu sein, die ihrem Lächeln nach glücklich ist.


Um ehrlich zu sein: Ich beneide sie.


Ich beneide sie darum, dass sie noch KEINE Lebenserfahrung hat! Das heißt nämlich auch, dass ihre Erfahrungen ihr noch nicht das Erlebnis des Augenblickes zerstören können!

Wie schnell kann es geschehen, dass wir versuchen, unsere Welt mit Begriffen zu erklären. Die wundersame Ritterburg wird zum „Silo“, aus dem Raumschiff wird ein Kohlekraftwerk.


All das mag zwar stimmen, doch es ist vor allem eines: langweilig.


Im Ernst, wieviel schöner ist die Welt, wenn wir sie einfach genießen, ohne zu bewerten? Ist es wirklich wichtig, zu wissen, um welche Blume es sich da handelt, wenn du nicht in der Lage bist, ihren Duft und ihre Schönheit zu genießen?


Die Welt ist nicht langweilig. Der Alltag ist nicht langweilig. Langweilig wird es erst, wenn wir anfangen, die Welt mit Begriffen zu erklären und damit ihre Magie stehlen.

Was ist diese Magie? Und was hat sie mit Freiheit zu tun?


Jedes einzelne Mal, das du an den Blumen in deinem Garten vorbeiläufst, dich freust und die Arme in den Himmel reißt, bist du FREI!


FREI von Bespaßung. Frei von teurem Vergnügen. Frei von dem Zwang, etwas zu müssen.


Du bist frei. Dankbar. Und erfüllt von liebevoller Lebensfreude. Erstaunlich, ist es doch nur ein „alltäglicher Moment“.


WAS geschieht spielt keine Rolle. Denn das, was dir als Realität erscheint, ist lediglich, WIE du auf die Umstände reagierst.

Wie wirst du reagieren? Wie entscheidest du dich?


  • Wirst du dich im Zug in ein einsames Abteil setzen oder unter Menschen sein?

  • Wirst du an Blumen vorbeilaufen, weil du beschäftigt bist, oder stehenbleiben?

  • Wirst du dir dein Essen zum Mitnehmen bestellen oder gemütlich selbst kochen?


Es gibt hier kein richtig oder falsch! Und es gibt keine alltäglichen Momente. Denn jeder Moment kann für die Zukunft von unfassbarer Bedeutung sein. Hier eine kleine Übung dazu:


  • Denk an eine wundervolle Sache, die dir einmal widerfahren ist. Stell sie dir bildlich vor. Nun geh die Geschichte Schritt für Schritt rückwärts und schau, welche Ereignisse alle nötig waren, dass es zu diesem Ereignis gekommen ist. Geh bis zum „Anfang“. Fällt dir etwas auf? Die meisten großartigen Dinge beginnen mit dem, was du „alltägliche Momente“ nennst.


Gibt es also alltägliche Momente? Du entscheidest!


Und trotz all der wunderbaren Dinge, die mir das vierjährige Mädchen heute gezeigt hat, bin ich den Erwachsenen doch für eine Sache sehr dankbar: Sie fragen nicht alle fünf Minuten: „Wann sind wir endliche daaa?“




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