Die Angst vor der Unsicherheit überwinden

Updated: Jan 31

Vor einigen Tagen habe ich eine wunderbare Geschichte gelesen, die ich hier mit dir teilen möchte:


Ein Mathematikprofessor schrieb folgendes an die Tafel:

1x9=9, 2x9=18, 3x9=27, 4x9=36, 5x9=45, 6x9=54, 7x9=63, 8x9=72, 9x9=81, 10x9=91.

Erst erklang leises Gekicher, dann lachten die Studenten, weil sich der Professor bei der letzten Aufgabe offensichtlich verrechnet hatte.


Der Professor wartete, bis alle wieder still waren, dann sagter er: „Ich habe den Fehlerl absichtlich gemacht, um ihnen etwas zu demonstrieren. Ich habe neun von zehn Aufgaben richtig gelöst, doch statt mir dafür zu gratulieren, haben sie über meinen einen Fehler gelacht. Und damit zeigen sie sehr deutlich, wie unser Bildungssystem funktioniert.


Wir leben in einer Fehlerkultur, die dazu führt, dass Menschen verletzt und gedemütigt werden, nur, weil sie sich mal irren. Lassen Sie uns lieber die Menschen für ihre Erfolge loben und auch ihre kleinen Fehler schätzen.


Wissen Sie, die meisten Menschen machen viel mehr richtig als falsch. Und dennoch werden sie nach ihren wenigen Fehlern verurteilt. Ich möchte Ihnen nahe legen, wie wichtig es ist, mehr zu loben und weniger zu kritisieren. Mehr Zuneigung, mehr liebevolles Miteinander, und weniger Gehässigkeit in diese Welt zu setzen.“ Mit diesen Worten verließ er den Saal und ließ seine Studenten sprachlos zurück.


Es ist eine schöne Geschichte, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Denn sie hat in mir drei Fragen aufgeworfen.


  1. Warum werten wir die Fehler eines Menschen stärker als seine Erfolge?

  2. Warum fühlen sich Menschen unsicher?

  3. Wie können wir die Angst vor der Unsicherheit überwinden?


Dieser Blogbeitrag ist mein Versuch, diese drei Fragen mithilfe von Geschichten zu beantworten.



Warum wir in einer Fehlerkultur leben

Ich erinnere mich sehr gut an jenen verschneiten Frühlingstag in den Rocky Mountains, ich bin gerade dabei, die Fenster des Hotels zu putzen, als mein Manager mich in sein Büro zitiert. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, es geschieht häufig, wenn er neue Aufgaben verteilt. Doch der ernste Blick auf seinem Gesicht alarmiert mich sofort, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.


„Ich will es kurz machen“, räuspert er sich mit rauer Stimme, „wir haben uns dazu entschieden, dich zu entlassen.“


Totenstille.


In meinem Kopf schießen alle möglichen Gedanken hin und her. Was habe ich getan, um dafür entlassen zu werden? Liegt es einfach daran, dass die Chefin und ich uns nicht allzu gut verstehen? Hat ein Mitarbeiter erzählt, dass ich mir immer ein paar halbleere Shampoofläschchen eingepackt habe? Ist es die eine Pizza, die ich einmal in einem Checkout-Zimmer gefunden und gegessen habe, und die der Gast später noch abholen wollte?


„Wir haben festgestellt, dass deine Arbeit nicht zuverlässig genug ist.“


Das ist jetzt ein Scherz. Ich hätte ja mit vielen Gründen gerechnet, aber nicht mit diesem. Zugegeben, ich bin nicht gerade der Perfektionist, als der ich mich vielleicht im Bewerbungsgespräch verkauft habe. Aber das macht doch jeder, oder? Es mag vielleicht sein, dass ich das ein- oder andere Mal mit den Gedanken bei einem anderen Thema war und dabei vielleicht die Spritzer auf dem Spiegel übersehen habe. Aber ich erinnere mich auch an Tage, an denen alle anderen Housekeeper krank waren, und ich an einem einzigen Tag alleine ganze 60 Betten bezogen habe – eine unglaubliche Leistung, drei Tage in Folge, für die mir David auch großen Respekt zollte. Aber ich bin also nicht zuverlässig?


„Bis morgen früh musst du aus dem Haus auschecken. Alles Gute!“


Ein Blick vom Hotel aus auf die Banff Avenue, das ich noch am Morgen vor meiner Entlassung aufgenommen habe.

Der Grund, warum ich an jenem Tag gefeuert wurde, war, weil mein Manager meine Fehler groß- und meine Erfolge klein machte. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie uns die Gesellschaft zu einer negativen Fehlerkultur drängt. Denn wer in seinem Leben schon einmal mit einem solchen Verhalten konfrontiert wurde weiß, wie schnell diese Mentalität auf einen selbst abfärben kann.


Ich persönlich neige dazu, meine Taten mit Sonnenaufgängen zu vergleichen. Im Prinzip geschieht bei jedem Sonnenaufgang dasselbe. Wir sehen, wie sich die Sonne über den Horizont hebt. Soweit ist das nichts aufregendes. Was das ganze jedoch so wunderschön macht, ist, dass kein Sonnenaufgang dem anderen gleicht.


Seien es Temperatur, Wolkenformationen oder Luftfeuchtigkeit – es gibt die verschiedensten Faktoren, die keine zwei Sonnenaufgänge exakt gleich aussehen lassen. Das ist der Grund, warum ich es so sehr liebe, mich von der Magie der Sonne verzaubern zu lassen, und so oft es geht einen Sonnenauf- und untergang von einem Hügel aus beobachte. Für mich sind sie nicht selbstverständlich. Es sind keine Ereignisse, die immer wieder geschehen. Es gibt keine alltäglichen Momente.


So wie jeder Sonnenaufgang einzigartig ist, ist es auch jede gute Tat. Nur, weil ein Mensch dieselbe gute Tat (in meinem Fall das zuverlässige Beziehen von 60 Hotelbetten) täglich ausführt, macht sie das nicht weniger gut.


Es ist mein Traum, eine Welt zu erschaffen, in der wir die guten Taten, die „Schätze“ unserer Mitmenschen nicht erst dann erkennen, wenn sie nicht mehr da sind, sondern diese schätzen, anerkennen und dankbar genießen, während sie es sind.


Die Selbstverständlichkeit vieler Dinge würde ich persönlich als den Tetriseffekt bezeichnen. Positive Ergebnisse und Erfolge halten das Leben am Laufen. Und dennoch verschwinden sie schnell, während unsere Fehler jedem ins Auge springen. Wir wurden geradezu dazu konditioniert, diese bei uns selbst und anderen Menschen zu sehen.


Der zweite Grund, warum wir in einer Fehlerkultur leben, ist eine falsche Ausrichtung unseres Fokus. In Deutschland ist es geradezu verpöhnt, Menschen für die guten Dinge, die sie vollbringen, zu loben. Schnell wird dies mit Schleimerei und ekelhaftem Einschmeicheln gleichgetan. Doch das ist es ganz und gar nicht – Schleimer verfolgen mit ihren unehrlichen Komplimenten ein egoistisches Ziel. Wertschätzende Worte der Dankbarkeit hingegen sind weder selbstdienlich noch zieldienlich. Sie machen einfach nur die Person, an die sie gerichtet sind, glücklich.


Da wir, wie so oft, bei uns selbst beginnen müssen, bevor wir die Welt ändern, ist meine Frage an dich:


Worauf richtest du deinen Fokus? Auf die „guten“ oder „schlechten“ Taten eines Menschen?


Bitte sei ehrlich mit dir. Die meisten Menschen bemerken viel weniger gute als negative Seiten. Allein die Tatsache, dass es in der deutschen Sprache mehr Worte gibt, die negative Gefühle beschreiben als positive, unterstreicht diesen Gedanken deutlich.



Warum Menschen sich unsicher fühlen

Ich liebe es, mich mit meinen Freunden, Bekannten und anderen Menschen in meinem Umfeld über Träume und Vorstellungen von der Zukunft zu unterhalten. Häufig lenke ich das Gespräch auf die Frage, welche Träume mein Gegenüber denn im Leben hat. Meistens beginnen spätestens nach dieser Frage, die Augen des Menschen zu strahlen.

Wie viele Menschen teile ich den Traum, die Welt zu bereisen und auf Berggipfeln zu stehen.

Mit hellem, klaren Blick erzählen mir die Menschen dann von dem Café, welches sie besitzen, der Tanzschule, die sie gründen, und der Kunstgalerie, die sie führen wollen. Es bereitet mir eine ungeheure Freude, dem zuzuhören.


Meine nächste Frage ist jedoch oft, ob die Menschen diesen Traum auch leben – was meistens ein senken des Blickes und ein enttäuschtes Kopfschütteln zur Folge hat. Also ist meine dritte Frage, warum dem so ist. Und auch, wenn es sich um komplett unterschiedliche Träume handelt, ist der Grund meistens ein- und derselbe.


„Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein.“


Aus Urzeiten bringt der Mensch eigentlich nur zwei große Ängste mit, die ihn bis heute begleiten.


Die Angst, nicht gut genug zu sein.

Wer einen Kampf gegen den Säbelzahntiger oder die Flucht vor diesem verliert, ist ein toter Mann.


Die Angst, nicht geliebt zu sein.

Wer von seiner Gemeinschaft ausgestoßen wurde, verlor damit die Sicherheit, beschützt zu werden, und wurde eher zum Opfer des Tigers.


Natürlich sind diese Ängste heute weitestgehend irrational, niemand muss sich mehr Sorgen machen, von einem Säbelzahntiger genüsslich zum Kaffeekränzchen vernascht zu werden. Doch die Sorgen sind geblieben.


Hier kann ich hoffentlich auch deutlich machen, warum wir in einer Fehlerkultur leben.


Indem wir die Fehler der anderen betonen, heben wir unsere eigenen Stärken hervor und wehren uns damit gegen die Angst, nicht genug zu sein.

Das Schlechtmachen unserer Mitmenschen lässt uns im direkten Vergleich besser erscheinen, und gibt uns somit das kurzfristige (und nebenbei wenig erfüllende) Gefühl, „gut genug zu sein“.


Das Problem dabei ist, dass dieser Weg nicht nachhaltig ist, denn so leben wir im konstanten Vergleich mit anderen Menschen, die wir immer besiegen müssen, um uns gut genug zu fühlen. Somit können sich nie alle Menschen gut fühlen, da das gute Gefühl der einen immer auf Kosten der anderen geht. Das Problem dieser Angst wird damit also nicht gelöst.


Ein weiteres Problem ist die Frage:


Was ist gut genug? Wann bin ich eigentlich gut? Wer bestimmt das?


Die Lösung ist: Du selbst. Aber wenn du nicht selbst die Entscheidung triffst, wann du gut genug bist, werden sie andere Menschen für dich treffen. Infolge dessen wirst du mit ziemlicher Sicherheit der weit verbreiteten Illusion des Perfektionismus hinterhereilen. Illusion deshalb, weil Perfektionismus niemals erreicht werden kann. Menschen sind von Natur aus unperfekte Wesen, die sich das Leben in Perfektion unnötig schwer machen.


Das Gefühl von Unsicherheit kommt also daher, dass Menschen von diesen zwei Ängsten kontrolliert werden, statt die Ängste zu kontrollieren.



Wie wir die Angst vor Unsicherheit überwinden können

Fassen wir also zusammen: Sobald wir beginnen, die guten Taten der anderen nicht als selbstverständlich zu sehen, sondern diese zu würdigen, wertzuschätzen und zu feiern, beginnen wir damit, die Menschen dazu ermutigen, Fehler zu machen, daraus zu lernen und daran zu wachsen.


Wenn die Menschen beginnen, an sich selbst zu wachsen, werden sie bemerken, dass es eigentlich viel mehr positive als negative Dinge in ihrem Leben gibt. Sie beginnen, ihren Fokus auf das Gute zu richten.


Dieser Fokusumschwung hin zum Positiven sorgt dafür, dass wir weniger Grund dafür haben, uns irrationalen Ängsten hinzugeben. Doch was können wir tun, wenn diese Ängste zurückkommen?


Nun, in meinen Augen ist es zunächst die Akzeptanz, dass diese Urängste immer in irgendeiner Form da sein werden, und wir lediglich darüber entscheiden können, ob sie uns lenken, oder wir sie lenken.


„Ich bin nicht gut genug“ und „Ich werde nicht geliebt“ sind negative Glaubenssätze. Glaubenssätze sind nichts anderes als Aussagen, die wir aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen für wahr halten. Wenn ein Mensch also etwas gegen Ausländer hat, dann wurde dieser Mensch bei einer Beförderung möglicherweise übergangen, und ein Ausländer hat diese Stelle erhalten. Dazu kommt möglicherweise noch, dass einmal eine Gruppe ausländischer Jugendlicher ein paar Zigaretten vor seiner Einfahrt hat fallen lassen, und der Glaubenssatz „Ausländer sind kriminell und nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ ist komplett.


So sehr ich gegen Rassismus und Ausgrenzung bin, kann ich doch verstehen, wie die Glaubenssätze jedes einzelnen Menschen zustande kommen. Es gibt keine Spinner, denn in den Augen eines jeden Einzelnen sind seine Glaubenssätze durch bestimmte Erlebnisse im echten Leben geprägt.


Wie kann man also die Angst, nicht gut genug zu sein – und allgemein jeden limitierenden Glaubenssatz – abschwächen und in etwas positives verwandeln? Nun, auch wenn dir manche Teile meines Lösungsansatzes etwas absurd vorkommen mögen, ist es doch der Prozess, wie ich selbst mit negativen Glaubenssätzen umgehe, und ich kann dich nur ermutigen, ihn auszuprobieren.


Der DICKENS-Prozess


In "A Christmas Carol" beschreibt Charles Dickens das Schicksal des alten Geizhalses Ebenezer Scrooge, dem am Weihnachtsabend drei Geister erscheinen, die ihm die Auswirkungen seines Handelns auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst machen - bis er schließlich genug von diesem schrecklichen Bild hat und gar nicht anders kann, als sein Leben zu ändern.


Die folgenden Schritte, auch bekannt als der DICKENS-Prozess, können dir dabei helfen, negative Glaubenssätze in positive zu verwandeln.


  1. Erkenne und akzeptiere, dass deine Angst nichts weiter als ein limitierender Glaubenssatz ist.

  2. Mach dir bewusst, wie sehr dich dieser Glaubenssatz in der Vergangenheit davon abgehalten hat, deine Träume zu verfolgen.

  3. Mach dir bewusst, wie dieser Glaubenssatz Einfluss auf dein aktuelles Leben nimmt. Welche Lebensbereiche werden durch ihn beeinflusst?

  4. Mach dir bewusst, wie dieser Glaubenssatz deine Zukunft zerstören wird, wenn du ihn nicht änderst.

  5. Nachdem du dir alle Konsequenzen bewusst gemacht hast, stell dir bildlich den absoluten Preis vor, den du in deinem Leben dafür zahlen musst, wenn du diesen Glaubenssatz behältst.

  6. Erzeuge ein Bild von deinem Leben in 30 Jahren mit diesem Glaubenssatz, das so schrecklich ist, dass du sofort etwas ändern willst.

  7. Jetzt nimm deine beiden Zeigefinger und schwing deine Arme dreimal im Kreis.

  8. Steck dir jetzt einen Finger in jedes Nasenloch und sprich deinen limitierenden Glaubenssatz in einer hohen, quietschigen Micky-Maus-Stimme aus.

  9. Wiederhole diese ganze Aktion, die deinen negativen Glaubenssatz lächerlich erscheinen lässt nun beliebig oft, mindestens aber zehn Mal.

  10. Vielleicht musst du nun schon etwas anfangen zu lachen, während du das Muster deines Glaubenssatzes durchbrichst. Behalte dieses Lachen bei!

  11. Dreh deine Lieblingsmusik voll auf und ersetze deine limitierenden Glaubenssätze durch welche die dich ermutigen.

  12. Sprich diese ermutigenden und Kraft schenkenden Glaubenssätze nun laut aus, während du dich in eine heldenhafte Pose begibst.

  13. Nutze die Energie, die du gerade erschaffen hast, um etwas zu tun, das dein Leben bereichern wird.


Hast du zum Beispiel den Glaubenssatz „Ich bin zu jung, um XY zu tun“, so kannst du diesen nach dem Prozess des lächerlichen Nasenbohrens (oder irgendeiner anderen bescheuerten Aktion) zum Beispiel durch den folgenden Glaubenssatz ersetzen: „Ich habe alle Energie dieser Welt. Ich bin jung, energiegeladen, voller Leidenschaft und bereit, die Welt zu verwandeln.“


Aus dem Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug“, könnte „Ich bin außergewöhnlich, wie ich bin und liebe jeden Menschen so, wie er ist“ werden.


Und aus „Ich werde nicht geliebt“ könnte sich so etwas wie „Ich verschenke meine Liebe bedingungslos, und ich weiß, dass meine Liebsten mich tief in ihr Herz geschlossen haben“. Besonders bei diesem Glaubenssatz gilt: Glaubst du wirklich, deine Freunde wären deine Freunde, wenn sie dich nicht lieben würden? Dass deine Familie nur zu dir steht, weil ihr dieselbe Blutlinie teilt? Sicherlich nicht.


In diesem Sinne hoffe ich, dich dazu ermutigt zu haben, deine Angst vor der Unsicherheit, nicht gut genug und nicht geliebt zu sein, zu überwinden. Ich wünsche dir viel Spaß mit dem Prozess zum Auflösen deiner negativen Glaubenssätze. Schreib gerne in die Kommentare, welche negativen Glaubenssätze und welche Angst dich verfolgen, und welche neuen, ermutigenden Glaubenssätze du für dich selbst festgelegt hast.


Unsicherheit wird es immer geben – aber deine Zuversicht und dein Glaube an dich selbst werden sie zu deinem Freund statt deinem Feind machen.

Auf ein Leben voller Wandel und Leidenschaft!







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